Sensomotorics Fachartikel in Physio Therapie

  • Veröffentlicht: Sonntag, 04. Juni 2017 19:22
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FachartikelCoverSomatic Education / Sensomotorics

Erfahrungen mit krampfartigen Muskelschmerzen bei Spastik nach Apoplex und Sturz

Autor: André Bechtel


Anamnese: Patientin 55 Jahre, starke Schmerzen und starke Spastik nach zweimaligem Apoplex (Schlaganfall) 2010 und 2011 und Sturz 2011.
Vorgeschichte:
Nach stationärem Aufenthalt in der Uniklinik Würzburg erfolgte eine Reha, die zu einerersten Besserung führte. Nach dem zweiten Apoplex kam dann noch ein Sturz hinzu. Nach diesem traten zunehmende krampfartige Schmerzen auf, die selbst durch die dann durchgeführten physiotherapeutischen Behandlungen nicht gelindert werden konnten. Nachts wachte die Patientin auch wegen der Krämpfejede Stunde auf.Auf weitere Empfehlung gelangte diese Patientin schließlich an unsere Praxisadresse. Die Behandlung erfolgte nach der Methode Sensomotorics, die auf der Hanna'schen Somatic Education basiert und die von Beate Hagen auch in Kursen beim VPT bekannt gemacht wird. Die Behandlungsfrequenz beträgt zweimal die Woche jeweils 90 Minuten. Sensomotorics arbeitet mit dem Gehirn, und es gilt hier:„Alles was leicht ist, ist richtig. Alles was richtig ist, geht leicht." Wohlbefinden ist für das Gehirn die beste Voraussetzung zum Lernen.
1. Behandlungstag:
Die Inspektion ergab folgendes Bild (Abb. 7):stark innenrotierter Arm und Abduktions-
stellung des Oberarmes. Der Faustschluss war unmöglich. Laufen mit stark spasti-
schem Gangbild. Flexion im Ellbogen nur max. 45° möglich. Extension nur unter An-
strengung und Schmerzen möglich. Hand zu-Mund-Führen nicht möglich, ln-die-
Haare-Fassen nicht möglich.
Palpation: lm Bereich des Oberarmes fanden sich hoch gespannte Bizepsmuskeln
und im Bereich der Unterarmmuskeln radiale und ullnare Rotatoren, die schon auf
leichte Berührung sehr schmerzhaft reagierten. Das Schulterblatt ließ sich nur ge-
ringfügig bewegen. Die Lagerung (Abb. 2) erfolgte in möglichst entspannter Position. In diesem Fall in Seitenlage mit Warmpackung auf den betroffenen Arm und im Bereich derTaille.
lm ersten Schritt führte Kinetic Mirroring zu einem spürbaren Nachlassen der Spannung. Es erfolgt ein Annähern von Ursprung und Ansatz der kontrahierten Muskeln, also auch in das Spastikmuster. Eine erste Erleichterung der Schmerzen setzte nach ca. 10 Minuten ein. Die anschließende minimale vorsichtige Pandiculation des Schulterblattes aus allen freien Richtungen brachte eine stetige Bewegungserweiterung. Bei Pandiculation handelt es sich um eine
Neuprogrammierung der dauergespannten Muskeln, die Thomas Hanna entwickelt hat. Das Ergebnis nach 90 Minuten sanfter Sensomotorics-Behandlung sehen Sie auf Abb 3. Meine Erfahrung dabei ist, dass der Tonus der Schulterblattmuskulatur ganz enorm zu Spannungssenkung der brachialen Muskeln
Abb. 3 beiträgt. Die Abduktionshaltung löste sich. Der Ellbogen befand sich noch in leichter Flexíonshaltung. Die Hand konnte noch nicht geschlossen werden. Die Körperhaltung war wesentlich entspannter. Zu diesem Zeitpunkt gab die Patientin an, dass „Tonnen von Gewicht vom Arm abgefallen
sind". Was durch das Unkenntlichmachen Abb. 2 der Augen kaum zu sehen ist, ist der völlig veränderte Gesichtsausdruck von starker Anspannung zu einem entspannten und hoffnungsvollen Blick.
2. Behandlungstag:
Anamnese:
Die Patientin berichtete schon von zunehmender Erleichterung. Der Schmerz war nicht mehr so krampfartig und trat fast nur in größeren Abständen auf. Eine weitere Erleichterung und Stabilisierung der Bewegungsfreiheit und Spannungssenkung trat ein.
3. Behandlungstag: Patientin hatte wieder vermehrte Abduktionshaltung und etwas vermehrten Spasmus. Bei Nachfrage, was sie die letzten Tage erlebt hatte, gab sie an, dass sie mitten im Umzug und Wohnungsauflösung sei und einiges eingepackt hätte. Vermutlich führte dies im Moment noch zu einer massiven Überlastung. Die Behandlung erfolgte wieder in entspannter Lagerung, die sich zum ersten Mal auf die bisher nicht tolerierte Rückenlage ausdehnen konnte (Abb. 4). Beim Abschlussbefund demonstrierte mir die Patientin, dass der Faustschluss wieder möglich sei (Abb. 5). Die Flexion hatte sich
wesentlich gebessert (Abb. 6). Hand-zu-Mund-Führen War wieder möglich (Abb. 7).
4. Behandlungstag: Hier stabilisierten sich die Ergebnisse. Nach dem 5. Behandlungstag veränderte sich zusehends das Stimmungsbild der Patientin. Haare halten und hochbinden, essen mit der linken Hand hatten sich schon verbessert. Es bestand noch eine deutliche tiefe Angst vor erneuten starken Schmerzen, da nach Monaten des Schmerzempfindens diese lnformation im Muskelgewebe manifestiert sein kann. Dies führte bei jeder vermehrten
Anspannung des Nervensystems zu Verkrampfungen. Die Patientin wurde dann jeweils ganz unruhig und versuchte, durch Positionsänderung den Arm wieder zu entspannen.Trotzdem waren die Krämpfe in derfrüheren Form nicht wieder aufgetreten. Die Hand konnte siejetzt besser einsetzen. Die Außenrotation des Ellbogens erhielt zu sehends mehr Spielraum.
Palpation: Die Muskelanspannung in Ruhespannung hatte deutlich nachgelassen. Die nächsten Ziele waren nun, die Extension und Außenrotation des Ellbogens deutlich zu verbessern. Über das Lösen der diagonalen Muskelketten Bauch-, Brust- und Rückenmuskeln erreichten wir eine verbesserte Extension
und Außenrotation. Diese großen Muskeln wie M. latissimus dorsi, die abdominalen und pectoralen Muskeln, welche die IR des Armes verursachen, wurden dabei in der Spannung herabgesetzt. Am Anfang jedoch stand wieder die Behandlung und die Befreiung des Schulterblattes. Beides geschah durch Pandiculation. Das sind leichte Widerstände, die derTherapeut in die Verlängerung des muskulären Antagonisten gibt. 

Auszug...